Tiergeschichten

Spooky

 

Ich trug mich schon lange mit dem Gedanken, zu unserem Labrador-Schäferhund-Mix Max einen Zweithund anzuschaffen. Im Juni 2001 fuhr ich also in unser örtliches Tierheim. Als ich mich bereits zum Gehen aufmachte, wies mich ein Mitarbeiter auf 2 6-monatige Welpen hin, die ich gar nicht bemerkt hatte, 2 Podenco Mixe, wie man mir sagte, die als Rescue-Hunde aus der Türkei eingeflogen worden waren und erst knapp eine Woche im Tierheim waren.

Und dann sah ich Spooky - wie wir ihn späterhin nannten. Er war sehr scheu, blickte mich mit aufmerksamen Augen an und für mich stand fest, dies würde unser Zweithund werden, obwohl ich nie eine besondere Vorliebe für windhundartige Hunde hatte. Nun stellte sich die Frage, wie unser Max auf einen weiteren Rüden im Haushalt reagieren würde. So vereinbarte ich mit der Tierheimleitung zunächst einen gemeinsamen Spaziergang mit beiden Hunden auf neutralem Gelände zu machen. Dabei verlief alles problemlos. Spooky beherrschte sämtliche Beschwichtungsgesten und signalisierte Max ständig, dass er seine übergeordnete Stellung akzeptiere.
Am folgenden Wochenende holten wir Spooky dann zu uns nach Hause. Er suchte sich ein bequemes Plätzchen auf dem Sofa und schlief zunächst. Max inspizierte den "Neuen" sehr interessiert, aber durchaus wohlwollend. Schliesslich fraßen beide Seite an Seite und spielten. Nun rückte der Zeitpunkt näher, zu dem Spooky zurück ins Tierheim sollte. Damit war mein Mann dann nicht mehr einverstanden und bestand darauf, mit dem Hund zwar ins Tierheim zu fahren, um die Formalitäten zu regeln und ihn dann sofort zu uns nach Hause zu holen. Keinen Tag länger sollte er im Tierheim verbringen müssen. Gesagt - getan. Spooky war unser Zweithund.

Da er in der Türkei auf der Straße lebte, war er nicht stubenrein. Erstaunlich schnell lernte er, sich zum Lösen an die Spaziergänge zu halten. Für jedes Pipi oder Häufchen, das er draußen absetzte erhielt er überschwängliches Lob und Leckerlis. Er war sehr ruhig und verließ in den ersten Tagen seine Sofaecke nur, um zu Fressen oder Spazieren zu gehen. Alsbald fing er an sich an Max zu orientieren und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Max nahm sich seiner an, balgte mit ihm ausgelassen herum und half Spooky sich bei uns schnell einzugewöhnen.

Auf Spaziergängen mit anderen Hundehaltern zeigte er sich unsicher, aber gegenüber Mensch und Hund gut sozialisiert. Er durfte abgeleint laufen und kam auch schnell zurück. Eine besondere Vorliebe war und ist das ausgiebige Buddeln in Mäuselöchern. Dabei ist er so vertieft in seine Arbeit, dass er um sich herum alles vergisst und natürlich auch nicht hört.

Die Kuscheltiere unserer Kinder fand er besonders anziehend. Auf dem Boden liegende Tierchen wurden kurzerhand sein Eigentum und total zerpflückt. Später ging er sogar dazu über, sie sich aus dem Regal zu holen. Bis ich ihn einmal dabei erwischte, einen Schlüssel- bund neben ihn auf den Boden warf und mich schnell versteckte, so dass für ihn der Eindruck entstehen musste, der Schlüsselbund und das Holen der Kuscheltiere stünden in Zusammenhang. Jedenfalls hat er es danach nie wieder versucht.

Ein besonderes Problem zeigte sich nach kurzer Zeit in seiner Leinenführigkeit - er zog wie ein Schlittenhund. Sah er einen anderen Hund wurde in den schrillsten Tönen buchstäblich geschrien, die Leine hinderte ihn ja daran, an den Artgenossen heranzukommen. Nahezu ein halbes Jahr haben wir daran mit viel Geduld, Leckerlis und Tricks gearbeitet, ihm dieses Verhalten abzugewöhnen. Heute bellt er jedem Hund hinterher, aber mit Unterbrechen des Blickkontaktes und Zureden, lässt er sich beeinflussen. Das Ziehen an der Leine konnten wir durch die Verwendung eines Haltis sehr positiv beeinflussen. Damit läuft er sehr ruhig.

Mit zunehmender Gewöhnung an sein neues "Rudel" wurde er immer selbständiger - er konnte nicht mehr ohne Leine laufen, weil er sich - des neuen Reviers bewusst - auf eigene Streifzüge begab. Dabei entfernte er sich nie ausser Rufweite, jedoch ausser Sichtweite. Das wäre weiter nicht schlimm gewesen, wäre da nicht eine stark befahrene Straße, vor deren Überquerung er auch nicht zurückschreckt. Ob er sich jemals zu einem "gehorsamen" Hund entwickeln wird, ist ungewiss. Wir haben verschiedene Methoden angewendet, um ihn auf Zuruf zu uns kommen lassen, das funktionierte einige Male, danach mussten wir uns wieder etwas anderes einfallen lassen, was seine Aufmerksamkeit auf uns lenkte. Keine war jedenfalls auf Dauer von Erfolg gekrönt. Freigang ist für ihn deshalb momentan nur im eingezäunten Gelände oder im Wald möglich.

Spooky ist heute ein selbstbewusster, übermütiger Rüde, der seinen Platz in unserer Familie gefunden hat, eine Seele von Hund, freundlich zu jedermann, spielt von Zeit zu Zeit den Kasper, ein ganz normaler Hund im Flegelalter. Manchmal würden wir uns wünschen er wäre stärker auf uns geprägt, aber diesePhase seines Lebens hat er auf türkischen Straßen erlebt. Er wird wohl immer eine gewisse Eigenständigkeitbeibehalten, das haben wir akzeptiert und lieben ihn wie er ist.

Karoline Bondza