Paule

..endlich ein zu Hause…

Nun ist ER seit drei Wochen bei uns! Uns, d.h. bei  mir und meiner 1 ¾ Jahr alten (jungen) Hündin Tilly.  Als ich ihn sonntags mitgenommen habe, ahnte ich gar nicht, dass ich minnestens 3.001 Tiere an Land gezogen hatte.

Glücklich zu Hause angekommen, habe ich zunächst das Gröbste seines ,Stinkefells’ mit der Schere abgeschnitten. Er ließ sich alles gern gefallen, er konnte sich wahrscheinlich selbst nicht mehr riechen. Badewanne war nicht, das Fell hätte ich nie und nimmer trocken bekommen!

Also..  kleine Schere, viel Geduld.. und schon ging’s besser! Am nächsten Tag direkt zum Tierarzt:

Eigentlich kerngesund, nur unterernährt (11,5 kg), Pfoten ganz schlimm kaputt und stinkig! Naserümpfen, diesseits und jenseits des Behandlungstisches..  und ER? Schwanzwedelnd und freundlich ließ er alles über sich ergehen. Antibiotika, Wurmkur, Zähne ansehen, Fieber messen, abhorchen, Pfoten behandeln usw. usw. Meine kleine Tilly hatte nur einen Wunsch: Macht, dass er nicht mehr so müffelt!

Freundin Heike, ihres Zeichens Hundefrisöse, hatte ich schon vorgewarnt: sie war direkt mittags bei mir, um das Restfell zu entsorgen. 3 Stunden wurde geschoren, geschnitten und 3.000 Tiere getötet! Flöhe, Flöhe, Flöhe!!! Und ER? Er saß/lag/stand seelenruhig auf dem Tisch und ließ sich alles gefallen, dreht sich und zeigte sogar noch die Stellen, wo die Schermaschine noch nicht ihr Werk verrichtet hatte. Lediglich bei den Pfoten war er ein wenig ungehalten, aber klaro: die taten ja auch tierisch weh! Offen, pfenniggroße LÖCHER.. ich glaube, ich hätte geschrien, wenn mir jemand daran gegangen wäre!

Dann noch Badewanne, dickes Handtuch, ab bei Frauchen auf den Arm und kuscheln..  Tilly hat alles argwöhnisch beobachtet und dachte wahrscheinlich bei sich: gut, dass ich das nicht bin!

Anschließend noch Frontline in den Nacken (bei beiden Wau’s), gut was zu futtern; Pfoten verbinden

 und dann ab auf die Decke und schnarchen!

Dann wach werden, im Warmen, eingekuschelt, einen Futternapf vorfindend.. wenn nur das blöde verbinden der Pfoten nicht wäre!

Nun ja.. und dann raus! In die Natur! HILFE! Das kennt er doch gar nicht! Pflaster, Asphalt, Straßen, Häuser und MÜLLEIMER.. das scheint sein bisheriges Leben gewesen zu sein. Aber Rasen, Wald??? Puuuh.. da fällt man fast mal erst über die eigenen Pfoten! Also: eine Viertelstunde hält er das wohl aus.. aber dann bitte wieder rein und weiterschlafen! Lästig ist nur, dass die Pfoten dann wieder einen neuen Verband bzw. neue Baby-Söckchen mit Anti-Rutsch-Noppen brauchen!

Tilly, die sich eigentlich auf einen Spielgefährten gefreut hat, schleppt ihre Spielsachen an und an und will ihn zum Toben animieren! Außer einem müden Blick erntet sie nur Gähnen!!! Na ja.. sie macht das Beste draus: legt sich einfach dazu und pennt mit!

Denn: eine gute Sache ist dabei: ER bekommt 3x am Tag was zu futtern.. und sie natürlich auch. Wenn auch nicht gerade die ,volle’ Menge.

Dann, mittwochs: wieder Tierarzt: Pfoten sehen schon besser aus, 750 gr. Hat er zugenommen, wirkt auch munterer und vor allem: er stinkt nicht mehr!

Nächsten Montag dann: Kastration! Die Tierärztin war geschockt: er hat die Narkose so gut weggesteckt, dass er schon beim Nähen fast wieder wach war! Und als ich ihn abholte, kam er mir auf seinen eigenen vier Beinen (zwar wackelig) schon entgegen! Sein Gewicht war auf stolze 12,8 kg angewachsen! Zu Hause angekommen, wollte er auch nicht getragen werden! Nein.. mit jedem Schritt wurde er munterer, erst auf seiner Decke schlief er geschlagene 6 Stunden! Den Trichter haben wir überhaupt nicht gebraucht. Er ist nie an seine Wunde dran gegangen, alles vollkommen ohne Komplikationen, selbst das Entfernen der Fäden hat er mit Bravour hinter sich gebracht.

 

Ein paar Wermutstropfen gibt es aber schon zu berichten: von der Leine kann man ihn nicht lassen (vorerst nicht!). Er hat wahrscheinlich sein Leben ganz ohne Menschen begonnen, seine Prägephase ohne Menschen verbracht und bindet sich nicht so leicht an uns Zweibeiner. Sein Sinnen und Trachten geht stets in Richtung FUTTER. Draußen zieht er zielgerichtet auf den nächsten Mülleimer, Plastiksack oder Unrat hin, der von irgendjemand hinterlassen wurde. Er bindet sich zwar an Tilly, und ich bin froh, dass sie gehorcht, aber so richtig traue ich mich nicht, ihn laufen zu lassen! Das soll sich aber ändern: zu Hause haben wir schon Sitz geübt, und das klappt hervorzüglich! An der Leine läuft er ,Fuß’, wenn ich ihn auf meine Finger ,eingeklinkt’ habe. Er hört auch auf seinen Namen: in der Wohnung! Den Mülleimer bei mir lässt er auch zufrieden, der hat nämlich schon dreimal ,zugebissen’.

Und eine Schultüte hat er auch schon: gestern war unser zweites Training in der Hundeschule! Zunächst beginnen wir mit wildem Spiel auf der großen, eingezäunten Wiese: 3 Riesenschnauzer, 1 Mittel- und zwei Zwerge, 1 Schäferhund-Mix sowie Tilly und er konnten toben, spielen, laufen usw.

Während alle andern miteinander spielen und laufen sucht er erst einmal zielgerichtet den Zaun ab, ob sich nicht evtl. eine Lücke darin befindet. Dann erst fängt er an, mit allen anderen zu spielen. Kabbeln sich zwei der Hunde, so steht er davor und schimpft sie aus… Rufen wir unsere Hunde dann zu uns (Tilly kommt sofort und sucht Kontakt), läuft er zwei Meter an mir vorbei, schlägt den Haken Richtung Ausgang. Unsere Trainerin bringt ihn dann mit viel lobenden Worten zu mir, wo er dann mit Leckerchen belohnt wird! So.. und dann geht’s erst einmal spazieren. (mein Herz rutscht in die Hose, denn er soll ,frei’ laufen). Was macht er..  Fersengeld..  ganz weit vorlaufen! Unsere Trainerin: rufe ihn, locke ihn und wir gehen in die entgegengesetzte  Richtung. Er läuft weiter in die andere Richtung.. HERZ! Aber.. nach 10 Schritten wird’s ihm doch ,unheimlich’. Wir (die Meute, die Menschen) drehen ihm den Rücken zu und gehen gaaaanz woanders hin! Also: Pfoten, die mittlerweile so verheilt sind, dass er keinen Verband mehr braucht, in Bewegung gesetzt und so schnell es geht Richtung Meute! Puuuh. Gut, dass ich kein EKG-Gerät angeschlossen hatte!!! Und so haben wir dann geübt! Eine ganze Stunde lang spazieren gehen. Im Endeffekt entfernte er sich nur noch etwa 20 m von uns und sicherte immer wieder, dass wir auch nachkamen. Aber ich sag’s: ich hatte minnestens 3 Herzklabaster!

Wie ich es erwartet hatte, war das eigentliche Training mit ihm dann ein Kinderspiel: Fuß gehen üben wir ja auch zu Hause, an der Leine warten, während ich mit anderen Leute sprechen, ohne rumzuhampeln.. auch das üben wir zu Hause und allein! All das klappt hervorzüglich! Und dann.. nach dem Training, da gibt es zu Hause auch noch einen vollen Napf mit tollem Futter! Aber er ist dann auch ,schachmatt’. Rührt sich für die nächsten 12 Stunden nicht mehr von Decke, aus Körbchen oder wo er sich auch immer niedergelassen hat.

Selbstverständlich versuchen wir auch, aufgrund seines Verhaltens Rückschlüsse auf sein bisheriges Leben zu ziehen: klar ist, dass er keine ,Menschenbindung’ hat. Zu älteren Herren hat er eine besondere Affinität, was vielleicht darauf schließen lässt, dass er von einem älteren Herrn in der Vorzeit öfter mal gefüttert wurde und evtl. gestreichelt und gekrault wurde. Auf jeden Fall verbindet er mit diesen Personen etwas vollkommen Positives. Seine Pfoten kann er durch mehrere Gründe kaputt gehabt haben: ein Grund, und das ist der Wahrscheinlichste, ist, er wird in der Tötungsstation, aus der er rausgeholt wurde, in ausrangierten ,Nerzkäfigen’ gehalten worden sein. Diese, aus Hühnerdraht bestehenden Käfige sind scharfkantig und schneiden regelrecht die Haut und die Rundung der Pfotenballen ab. Und so sahen seine vier Pfoten auch aus! Das verkotete Fell lässt ebenfalls auf Nerzkäfige schließen, die übereinander gestapelt wurden. Dadurch wurden Kot und Urin von ,oben’ kommend auf seinem Fell verteilt! Weitere Gründen wären: Mangel an Zink, Staupe-Erkrankung. Zinkmangel würden zwar die Pfotenballen einziehen lassen, aber nicht so offene Wunden hinterlassen. Für eine Staupe-Erkrankung ist er einfach ,zu fit’ im Kopf.

Drei Wochen danach wiegt er 14 kg! Und hat mich, meine Freunde, meine Familie einfach nur begeistert! Selbst mein kleiner Großneffe (1 ¾ Jahre alt!) kann schon seinen Namen rufen:

P A U L E

Und nun, ein halbes Jahr später ist er der King!!! Wir gehen zwar weiterhin zur Hundeschule, schon weil es Spaß macht, aber auch, weil wir im Oktober die Begleithundeprüfung machen wollen! Und.. was soll ich Euch erzählen: er ist DER Vorzeigehund auf dem Trainingsplatz! Sitz machen und sitzen bleiben, auch wenn ich schnurstracks weitergehe! Liegenbleiben, auch wenn ich mich entferne und auf Entfernung schon mal ,Männekes’ mache! In der Welpenstunde ist er der ,Vorturner’, was heißt, dass er ausgeglichen und geruhsam die komplette Welpenschar auf sich rumtrampeln lässt, die Ohren anknabbern und sogar (hihihi) nach Milch suchen lässt! Er ist ein STAR!

Und seine Unabhängigkeit: nun, auf die Erfahrung unserer Trainerin vertrauend haben wir folgendes ausprobiert: Mach’ die drei Wochen ,ignoriere-ihn-Kur’ (das tut dem Menschenherzchen zwar ziemlich AUA, aber hilft). Also, wenn er kommt, will gestreichelt werden: NEIN! 1-2 Minuten warten, wenn er sich dann verzogen hat und ihn erst dann rufen: dann darf er gestreichelt werden! Spielen, wenn er kommt und es will: NEIN! Das gleiche Spiel wie beim Streicheln. Leckerchen, wenn er es will: NEIN! Für jedes Leckerchen muß er arbeiten! Sitz, Platz usw. Seit dieser Kur himmelt der Kerle mich nur noch an! (Peinlich!!) Ich brauche nur noch an das zu denken, was ich will, er tut’s! HIMMLISCH!

Jetzt wiegt er stolze 16 kg.. ist aber noch schlank und rank. Beim Tierarzt ist er gern gesehen… und, was soll ich sagen, seit der vergangenen Woche spielt er sogar! Sein Sinnen und Trachten nach Futter ist schwächer geworden, er fordert nicht mehr sondern ist zufrieden, wenn’s was gibt! Seine Klauerei hat auch aufgehört, obwohl er mir ja zu Zeiten bis zu drei Äpfel und zwei Bananen (mit Schale) vom Tisch geklaut und aufgefressen hat! (Am nächsten Tag hatte seine Hinterlassenschaft einen Chiquita-Aufkleber <grins>).

Meine Panik, ihn von der Leine zu lassen ist auch weg! Er läuft höchstens noch 20 m voraus und kommt sofort zurück, sobald ich ihn rufe. Lediglich morgens.. da hat er es ganz eilig: ab in den 100 m weit entlegenen Wald laufen und alle morgendlichen Geschäfte erledigen (ohne Chiquita-Aufkleber!).

Anderen Hunden gegenüber ist er ausgeglichen und friedlich, spielt mit Hündinnen wie Rüden, respektiert ältere Tiere und hält sich, wenn er schon mal unsicher ist, an mich. Zu Kindern ist er einfach nur lieb! Bleibt stehen und lässt sich bekraulen und beschmusen, leckt dabei aber nicht, gibt sogar schon Pfötchen (Befehl: gib 5!).

Auf den Wiesen und Weiden sprintet er los, man meint, er könne fliegen! Fell und Pfoten fliegen nur so, und ihm macht es einfach nur Spaß. Auf der Pferdeweide benimmt er sich einwandfrei. Nur einmal hat er versucht, die Herde zusammen zu treiben. Ist ihm aber nicht gelungen, weil Pferde eben schneller sind als Hunde oder Schafe… er hätte da sicher Erfolg gehabt, wenn er Unterstützung gehabt hätte. J

Auch in der Stadt ist er ein absoluter Superhund..  An der Leine, ohne Befehl neben mir, setzt er sich, sobald ich stehen bleibe. Bleibt ruhig, auch wenn andere Hunde sich aufregen, liegt im Cafe oder Restaurant unter dem Tisch, Bank. Und.. ihr fragt Euch bestimmt, was denn Tilly macht? Sie macht das Gleiche wie er. Nur beim ,Fuß-gehen’ gibt’s manchmal Konfusion! Jeder will nahe bei mir gehen. Der Knoten in den Leinen ist vorprogrammiert. Nur wenn ich beide Leinen los habe, gehe beide Fuß ohne Störung. Paule direkt neben mir und Tilly daneben. Wunnebaaar!

Also, wenn man mich fragt: ich habe es mir sehr viel schwerer vorgestellt und langwieriger, einen solchen Hund zu meinem Begleiter zu machen! Ich hoffe nur, dass er (und Tilly) mir lange Zeit erhalten bleiben und ich bedauere nur, dass ich ihn nicht schon als Welpen gekannt habe! Er ist einfach bezaubernd, charmant und pur lieb!!!

Ich danke den Menschen in Grefrath, die es mir ermöglicht haben, eine solche Erfahrung zu machen!